2.6      Lebensraumfunktion des Bodens

Der Boden hat im Naturhaushalt eine zentrale Funktion. Boden verbindet mit seiner mineralischen und organischen Ausgangssubstanz Bodenwasser, Bodenluft und Bodenorganismen strukturell und funktional zu einem Komplex miteinander. Die Entwicklung vom undifferenzierten Sediment zum oft stark gegliederten Boden nimmt einen sehr unterschiedlichen Verlauf in Abhängigkeit vom Klima, der Gesteinsart, dem Relief, den Grundwasserverhältnissen, der Vegetation und auch der Nutzung. Boden ist Standort und Lebensraum für tierische und pflanzliche Organismen, was nach § 2 des Bundesbodenschutzgesetzes mit „natürlicher Funktion als Lebensgrundlage und Lebensraum für Menschen, Tiere, Pflanzen und Bodenorganismen...“ definiert wird. Neben dem Bundes-Bodenschutzgesetz (BBodSchG) sind Zweck und Grundsätze des Bodenschutzes auch ergänzend im Bundes- und Landesnaturschutzgesetz (BNatSchG, LNatG M-V) formuliert. Dabei stehen die nachhaltige Sicherung und Wiederherstellung der Funktionen des Bodens für den Naturhaushalt und die menschliche Nutzung im Vordergrund.

Für die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes sind insbesondere die „natürlichen Bodenfunktionen“ von Bedeutung. Die „Nutzungsfunktionen des Bodens“ (u.a. Rohstofflagerstätte, land- und forstwirtschaftliche Produktion) sind demgegenüber vorwiegend für die wirtschaftliche Nutzbarkeit des Bodens durch den Menschen wesentlich.

 

Der Beitrag des Bodens zur Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes muss vor allem daran bemessen werden, dass der Boden einerseits eine Funktion als Standort für Pflanzen und Tiere besitzt, andererseits eine Lebensraumfunktion für Bodenorganismen aufweist. Damit geht die Lebensraumfunktion des Bodens weit über die Funktion des Bodens als Pflanzenstandort und damit über seine biotische Ertragsfunktion, die den Boden als Nährstoff- und Wasserlieferanten für die Produktion von im Wirtschaftsprozess verwertbarer Biomasse definiert, hinaus.

Zur Erfassung der Lebensraumfunktion des Bodens für Pflanzen sind solche Kriterien ausschlaggebend, die über den Wasser- und Stoffhaushalt im Boden aussagefähig sind. Die pflanzliche Biomasseproduktion hängt ganz entscheidend davon ab, in welchem Umfang Wasser und Nährstoffe zur Verfügung stehen. Um Aussagen über die Ausprägung der Lebensraumfunktion des Bodens für die Pflanzen aber auch für die Bodenorganismen in Mecklenburg-Vorpommern machen zu können, wird als eine Indikationsmöglichkeit der Biotoptyp genutzt. Der Biotoptyp schließt sowohl abiotische (Nährstoffgehalt, Feuchtegehalt) als auch biotische Merkmale (Vorkommen bestimmter Vegetationstypen, Pflanzengesellschaften, Tierarten) ein und bietet mit seinen biologischen Bedingungen weitgehend einheitliche Voraussetzungen für Lebensgemeinschaften. Die meisten der vorkommenden Biotoptypen sind durch die vorherrschende Nutzung (Land- und Forstwirtschaft, urbane Nutzungen) und andere Beeinträchtigungen (Schadstoffe, Eutrophierung) geprägt. Es wäre demnach über den Biotoptyp eine relativ grobe Charakterisierung von Standorteigenschaften des Bodens möglich, wobei weitergehende Aussagen über das ökologische Wirkungsgefüge entsprechend der vorherrschenden Pflanzengesellschaften zu machen wären. Die Ausprägung der Pflanzengesellschaften ließe Rückschlüsse auf die Wirkung der Faktoren Wasser, chemische Faktoren, Licht, Temperatur und mechanische Faktoren zu, die wiederum in mehr oder weniger enger Beziehung zu den Bodeneigenschaften stehen (Bundesamt für Naturschutz 1999).

Zur Beschreibung der Lebensraumfunktion des Bodens sind jedoch neben den Standortfaktoren „Wasser und Nährstoffe“ noch weitere erforderlich, so dass eine Indikation dieser Bodenfunktion über die Vegetation bzw. den Biotoptyp nur unvollständig sein kann. So können solche wichtigen Parameter wie die Bodenart oder der Humusgehalt nicht aus dem Vorkommen von Biotoptypen abgeleitet werden. Die Indikationsmöglichkeiten der Bodenfunktionen über den Biotoptyp lässt sich folgendermaßen nach dem Grad ihrer Aussagekraft charakterisieren:

 

Abbildung 12: Indikationsmöglichkeiten der Bodenfunktionen über den Biotoptyp

 

                                               1. Regler- und Speicherfunktion (extreme Ausprägung)

            ggf. möglich                 2. Lebensraumfunktion

 

            bedingt bzw.                3. Regler- und Speicherfunktion (keine extreme Ausprägung)

                                               4. Filterfunktion

            nicht möglich                5. Funktion als Archiv der Naturgeschichte

 

 

Quelle: Bundesamt für Naturschutz (1999)

 

Auch wenn die Indikationsmöglichkeiten für die Lebensraumfunktion des Bodens über den Biotoptyp begrenzt sind, so lassen sich doch aus dem Vorkommen natürlicher und naturnaher Biotoptypen wie z.B. Hochmoor-, Trockenrasen- und naturnahe Buchenwaldgesellschaften die Bodeneigenschaften und die vorherrschenden Standortfaktoren wie Wasser- und Nährstoffversorgung vergleichsweise genau beschreiben.

Heutzutage ist nahezu jeder Quadratmeter Boden in Mecklenburg-Vorpommern anthropogen überformt, deren Schwankungsbreite von intensiver flächenhafter Nutzung (z.B. Versiegelung im urbanen Bereich) bis zur „naturnahen Nutzung“ auf wenig entwässerten Mooren und auch auf Waldstandorten reicht. Damit werden mit zunehmendem menschlichem Einfluss die Indikationsmöglichkeiten erschwert oder gar unmöglich. Bei einem intensiv genutzten Maisacker ohne Unterwuchs wird es aufgrund der anthropogenen Überformung durch die landwirtschaftliche Nutzung nicht mehr möglich sein, auf die Bodeneigenschaften zu schließen. Als Indikator für die Lebensraumfunktion des Bodens kann dieser Biotoptyp auf diesem Standort nicht dienen. Es ließe sich nur die Aussage treffen, dass dieser Biotoptyp aufgrund der intensiven Nutzungsüberprägung seiner natürlichen Standorteigenschaften als „überwiegend halbnatürlich“ einzuschätzen ist. Klassifiziert man die vorkommenden Biotoptypen Mecklenburg-Vorpommerns anhand von „Natürlichkeitsstufen“ im Hinblick auf die zugehörigen Standorteigenschaften, so lassen sich die einzelnen Biotoptypen jeweils eine von vier Natürlichkeitsklassen zuordnen:

 

·        Natürlichkeitsstufe 4 – natürlich bis naturnah

·        Natürlichkeitsstufe 3 – überwiegend naturnah

·        Natürlichkeitsstufe 2 – überwiegend halbnatürlich

·        Natürlichkeitsstufe 1 – überwiegend naturfern.

 

Bei der Zuordnung der Biotoptypen zu einer dieser Klassen bestehen im Hinblick auf die Aussagekraft für die Indikation der Lebensraumfunktion des Bodens die dargestellten Unschärfen und Einschränkungen, jedoch wird darin durchaus eine Möglichkeit für die Darstellung der regionalen Differenzierungen im Natürlichkeitsgrad der Lebensraumfunktion des Bodens gesehen (siehe Karte 4).

 

Karte 4: Bewertung des Natürlichkeitsgrades von Biotop- und Nutzungstypen